lee weiches winter wonderland Geschichte Achterbahn Magazin

Winter Wonderland

Zu spät aber vielleicht auch gerade rechtzeitig gehe ich die Straße hinunter. Dicke Schneeflocken fliegen vom Himmel und bleiben auf dem Draht des Parkzauns und meiner Mütze liegen. Die Flockenschar ist so dicht, dass ich nur erahnen kann, wer da vorne geht aber ich vermute, dass ich die Person kenne und dass ich früher heimlich für sie schwärmte. Ich strecke meine Hände gen Himmel und fange einige der Schneeflocken auf. Die kleinen symmetrischen Naturschönheiten schmelzen auf meinen nackten Fingern und lassen die Haut erkalten. Sie glitzern auf der Straße um die Wette und legen eine wärmende Decke auf Wiesen und Wälder. Elysisch schlafen Blumen unter Eiskristallen und lassen ihre Blätter hängen.

Die vermutete Person da vorne scheint langsamer zu gehen, ihre Silhouette wird deutlicher. Sie dreht sich um und grinst mich an. Die fast schwarzen Augen werden von blonden Locken umrahmt, die voller Schneeflocken sind. Gefrorene Wasserkristalle haben sich in feinem Haar verfangen und unsere Augen treffen sich zwischen dem ganzen Schneegestöber. Ich zeige seit langer Zeit wieder Larmoyanz und fühle tausend Stiche in meinem unterkühlten Körper. Ich versuche seine blitzenden Augen zu spiegeln. Versuche seinen Schalk zu erwidern. Versuche einen klaren Kopf zu bewahren und nicht die verflossenen Lieben mit ihm hervorzurufen.

Millionen Gefühle erschlagen mich und ein Lächeln fliegt über meine Lippen. Ich denke daran, wie ich nur mit einem dicken Pullover bekleidet in die dunkle Küche schlich und dich überraschte, dich, der du in wenigen Augenblicken für eine unbestimmte Zeit aufbrechen würdest. Dich, der mich vernebelte und verrückt machte. Dich, wo ich wusste, dass ich dich liebe und es dir sagen musste. Voller Adrenalin tippte ich dir auf die Schulter, umarmte dich und flüsterte, das erste Mal, leise, schüchter und zugleich siegessicher: „Ich liebe dich“. Ich denke daran, wie ich dir zu Silvester in Wollsocken nachgelaufen bin, das Stiegenhaus hinunter, bis zur Straße und unter der Straßenlaterne, im eiskalten Jänner kurz nach Mitternacht, beschlossen wir das Ende von heute und den Anfang einer holprigen Freundschaft.

Ich denke an kuriose Autofahrten, an den Beifahrersitz, der mich seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat. Ich denke an Zugschienen, die Beziehungen, Orte und Erinnerungen bildlich und real trennen.

Libellen flirren um sonnige Blätterkronen. Schmetterlinge schwirren auf Blumenwiesen. Shisharauch benebelt Hirne und Sanddorneis kühlt heiße Zungen. Sonnenstrahlen bleichen zerzauste Haare und Wasserläufer erklimmen nasse Oberflächen. Nachtfalterflügel mischen laue Sommernächte auf.

Jetzt, wo dicke Eiszapfen und Schneeflocken Wiesen und Wälder schmücken, sind warme Tage vergessen und alte Lieben verflogen. Ade sommerliches Glück. Willkommen winterliche Zukunft.

Ade alte Schwärmereien. Willkommen kreative Selbstständigkeit.

Text:
Lee Weichsel