Attentat Wien Lee Weichsel Achterbahn

Versuch einer Beschreibung des Attentatabends

“Wien, Wien nur du alleine.”

Wiener Blond

02.11.2020

Es war der letzte Tag vor dem 2. Lockdown in unserem schönen Österreich. Ich fuhr ein letztes Mal nach Wien und genoss die Zugfahrt. Traurig summte ich „One last time“ von Ariana Grande, obwohl ich dieses Lied schrecklich finde und ließ meine Gedanken zu aktuellen Weltgeschehen schweifen. Diskriminierung ist ein Thema, das mich im Moment sehr beschäftigt. Ich begann einen Text darüber zu schreiben. Ich frage mich, warum manche Menschengruppen nicht respektiert und sogar ausgestoßen werden. Ich schrieb, dass ich absolut kein Verständnis dafür habe, Menschen nicht gleichberechtigt zu behandeln.

Gut gelaunt spazierte ich über die Friedensbrücke zur Wohnung meiner Schwester, in welcher ich 45 Minuten später meinen Liebhaber empfangen sollte.

Nach vielen Küssen und schönen Stunden rief mich meine beste Freundin an. Sie fragte mich, wo ich denn sei. Ich solle zuhause bleiben. „Warum“ frage ich, „ist alles in Ordnung?“ „Es wird geschossen am Schwedenplatz, man weiß noch nichts genaues, bleib zuhause, bleib in der Wohnung“, sagte sie mir. Weitere sieben Telefonate und gefühlt hundert Nachrichten später war klar, dass ich nicht mehr nach Hause fahren, sondern in Wien schlafen müsste. Mein Date, das sich erst noch über meine vielen Anrufe lustig gemacht hatte, erhielt ebenfalls eine Nachricht nach der anderen. Keine Öffentlichen Verkehrsmittel werden mehr fahren. Er würde hier bleiben.

Wir lasen die Nachrichten, sahen ein Video, waren sprachlos, konnten das alles nicht fassen.

Es handelte sich um einen Terroranschlag. Einer der Verbrecher wurde nach kurzer Zeit von der Polizei erschossen und es wurde davon ausgegangen, dass weitere Täter auf der Flucht waren. Ganz Wien wurde dazu aufgerufen, zuhause zu bleiben. Es war von Toten und Verwundeten die Rede. Alle Brücken, die über den Donaukanal führen, wurden gesperrt, alles wurde geschlossen, alles verbarrikadiert.

Kann mir bitte jemand verraten, was los ist mit unserer Welt? Ich schreibe einen Text über Diskriminierung. Ich befasse mich an diesem Tag, auf der Zugfahrt nach Wien, mit dem Thema Feminismus, Rassismus, Diskriminierung von Menschen mit Behinderung und homosexuellen Menschen. Einen Themenbereich habe ich in meiner Geschichte vergessen, nämlich den der Religionen. Und genau dieser sollte mich und viele andere Menschen an jenem Abend wachhalten.

Wie weit darf der Glaube an etwas gehen?

Wo sind die Grenzen? Wer definiert die Grenzen? An diesem Abend wurde der Versuch gestartet einen Keil zwischen uns Menschen zu treiben, unser Wienerherz wurde getroffen, mehrere unnötige Schüsse wurden abgefeuert und nun steht dort ein Meer aus Kerzen, Blumen und Gedanken.

In der Mitte sind die Kerzen abgebrannt und die Blumen verwelkt. Von außen kommen stetig Neue hinzu und ein wundervoller Weg, durch die verträumten Gassen, ist entstanden. Die Häuser und Backsteinpflaster Wiens leben aber sie denken im Moment viel nach. Wir sind aus unserer wohligen Glaskugel erwacht und merken, dass die Welt nicht nur aus Cafe und Wein besteht.

Erst habe ich mich schlecht gefühlt, da ich an diesem schrecklichen Abend nicht die ZIB-Live- Nachrichten angesehen, sondern in den Armen eines Mannes lag und seinen Körper genossen habe.

Natürlich redeten wir immer wieder von dem Ereignis, haben Anrufe und Nachrichten getätigt und einmal die ORF2-Kurznachrichten gecheckt. Wir sind nicht nach draußen gegangen und nach Hause gefahren, wie es unser ursprünglicher Plan gewesen wäre, wir sind drinnen geblieben und haben, ich bin ehrlich, oft und innig miteinander geschlafen. Wir haben die Nacht gebraucht und genutzt. Wir haben gefühlt und geliebt. Wir haben uns gespürt und gerochen. Wir haben uns geküsst und einfach nicht mehr damit aufgehört.

Aus einer Serie habe ich einmal die Geschichte erfahren, dass die Menschen in Paris an Tagen, an denen die Welt unterzugehen scheint, Liebe machen. Ich fühle mich nun etwas pariserisch. Aber ist der Gedanke nicht eigentlich schön? Liebe zeigen und spüren. An solchen Abenden ist es das, was gemacht werden muss. Zuneigung, Hilfsbereitschaft und Mitgefühlt, sind Hoffnungsschimmer, in einer von Schüssen durchzogenen dunklen Nacht. Ich habe wundervolle Geschichten von Menschen gelesen, die anderen Zuflucht gaben, Hotels und Restaurants beherbergten Menschen die ganze Nacht über, ein Musiker hat Zugabe für Zugabe weitergespielt, um für Ruhe zu sorgen, Menschen haben Erste Hilfe geleistet, Taxifahrer haben Menschen unentgeltlich nach Hause gebracht. Ich habe auf Instagram von Menschen gelesen, die in ihre Storys geschrieben haben, wenn jemand in ihrer Nähe wäre und Unterschlupf sucht, solle man sich melden. Wie viele haben gefragt ob es mir gut geht? Wie oft haben mich die Leute angerufen, mir geschrieben: „Lee, bist du zuhause?“ Zivilcourage und selbstverständliche Unterstützung, die jeder und jedem galt, wurde gezeigt. Ich war gerührt.

Die Nacht war lang. Sirenen heulten vor meinem Fenster, blaue Lichtstrahlen fielen durch die Glasscheiben und reflektierten an der Deckenlampe. Kalt und dunkel war es, trotzdem unsere Körper ineinander geschlungen waren. Zwei Mal wachte ich auf. Einmal hörte ich mich selbst die Worte „oh Gott“ flüstern, stand auf und schaute, ob ich die Wohnungstüre abgeschlossen habe – habe ich natürlich, drei Mal sogar. Nackt und frierend tappte ich ins Badezimmer und trank einen Schluck Wasser. Sah in den Spiegel, sah meine müden Augen.

Wir sind alle so erschöpft, von einem Weltgeschehen nach dem anderen, das uns aufrüttelt. Corona gibt nicht auf, böse Menschen gibt es immer noch und Umweltkatastrophen lassen mich fürchten, dass unsere Welt bald untergeht. All dies ist so gegenwärtig und ständig präsent. Manchmal ist mein Kopf so voll, so unendlich voll mit Gedanken und Sorgen und dann beginne ich zu schreiben.

Am nächsten Abend zündete ich Kerzen vor unserer Haustüre an und habe an die Toten, Verletzten und deren Angehörigen gedacht. Wie oft dachte ich darüber nach, dieser Geschichte ein gutes Ende zu schenken. Doch ich weiß in diesem Moment einfach keines. Noch nicht einmal mein sonst geliebtes „das geht sich schon aus“ kommt mir über die Lippen. Ich schweige, wie die Flammen, die im leichten Novemberwind flackern.

Eigentlich schreibe ich dann, wenn ich traurig bin. Ich nähe, wenn ich ausgeglichen bin und ich male, wenn ich sehr, sehr glücklich bin. In letzter Zeit habe ich wieder viel geschrieben.

Fast zu viel.

Text:
Lee Weichsel

Titelbild:
Artwork und Fotos: Constanze Baumfrisch & Bien Chen