Lieblingssätze von büchern Welt von gestern Stefan zweig

Meine Lieblingssätze aus …

… „Die Welt von Gestern“ von Stefan Zweig (1/2)


Ok, ich habe es geschafft. Ich habe es tatsächlich geschafft einen Neujahrsvorsatz bis zum Ende des Jahres durchzuziehen.

Als Songwriter bin ich immer wieder auf der Suche nach dem einen „schönsten Satz der Welt“. Dass man hierfür aber das Rad nicht immer neu erfunden muss, musste ich erst lernen. 



So habe ich mir zu Silvester vorgenommen meine Lieblingssätze aus allen Büchern, die ich über das Jahr lese, herauszustreichen und abzutippen. Was dabei raus gekommen ist, möchte ich euch in dieser Serie „Meine Lieblingssätze aus …“ zeigen. 

Das erste Buch, das ich 2020 gelesen habe war „Die Welt von Gestern“ von einem meiner Lieblingsautoren Stefan Zweig

Das autobiografische Werk schrieb Zweig kurz vor seinem Tod 1942. Er erinnert sich an ein schöneres Leben in einem vereinten und verschlafenem Europa, an eine Zeit vor dem ersten und zweiten Weltkrieg. 

Beim herausstreichen von Sätzen verfolge ich übrigens kein Schema. Es ist schlicht der “Wow, das ist ein schöner Satz”-Effekt, der mich dazu bewegt einen Satz anzustreichen. Oft weiß ich dann gar nicht mehr, weshalb ich den ein oder anderen Satz angestrichen habe, umso spannender ist es sie nun erneut zu lesen. 

1) Die Beschreibung von Prostituierten in Wien.

„ (…) bei Tag und Nacht bis tief ins Morgengrauen schleppen sie eine mühsam erkaufte, falsche Eleganz auch bei Eis und Regen über die Straßen, immer wieder für jeden Vorübergehenden das schon müde gewordene, schlecht geschminkte Gesicht zu einem verlockenden Lächeln zwingend.“ 

– Stefan Zweig, Die Welt von Gestern, S. 107

2) Die spielerische Art Sätze zu formen.

„Mag sein, dass durch die Selbstverständlichkeit des leichten Nehmens und Geben manches in der Liebe ihnen verlorengegangen ist, was uns besonders kostbar und reizvoll schien, manche geheimnisvolle Hemmung von Scheu und Scham, manche Zartheit in der Zärtlichkeit.“ 

– Stefan Zweig, Die Welt von Gestern, S. 113

3) Ja, danke.

„Für mich ist Emersons Axiom, dass gute Bücher die beste Universität ersetzen, unentwegt gültig geblieben, (…)“ 

– Stefan Zweig, Die Welt von Gestern, S. 118

4) Die Gabe so etwas hässliches schön zu formulieren.

„Die Krankheit, die ihn damals zu beugen begann, hatte ihn plötzlich gefällt, und nur zum Friedhof mehr konnte ich ihn begleiten.“ 

– Stefan Zweig, Die Welt von Gestern, S. 132

5) Auch meinerseits ein großes Dankeschön.

„ (…) dem Rate Dehmels, dem ich noch jetzt dafür dankbar bin, entsprechend, nützte ich meine Zeit, um aus fremden Sprachen zu übersetzen, was ich noch heue für die beste Möglichkeit für einen jungen Dichter halte, den Geist der eigenen Sprache tiefer und schöpferischer zu begreifen.“ 

– Stefan Zweig, Die Welt von Gestern, S. 143

6) Es leuchteten Blumen und Bücher.

„Immer waren nur ganz wenige Dinge um ihn, aber immer leuchteten Blumen in einer Vase oder Schale, vielleicht geschenkt von Frauen, (…). Immer leuchteten Bücher an der Wand, schön gebunden oder in Papier sorgsam eingeschlagen, denn er liebte Bücher wie stumme Tiere.“ „ (…) auch das Unscheinbarste bedeutsam und mit gleichsam erhelltem Auge schien; (…)“ 

– Stefan Zweig, Die Welt von Gestern, S. 171

7) London und Paris.

„London wirkte nach Paris auf mich, wie wenn man an einem überheißen Tag plötzlich in den Schatten tritt: (…)

– Stefan Zweig, Die Welt von Gestern, S. 184

8) Die beste Beschreibung von Wien anhand einer Geschichte.  

„Für einen Augenblick begann sich die Tragödie ins Wienerisch-Gemütliche zu wenden. Zur Mittagsstunde erschien ein Herr, verlangte den Brief unter der Bezeichnung »Opernball«. Der Schalterbeamte gab sofort das verdeckte Warnsignal an den Detektiv. Aber der Detektiv war gerade zum Frühschoppen gegangen, und als er zurückkam, konnte man nur mehr feststellen, dass der fremde Herr einen Fiaker genommen habe und in unbekannter Richtung weggefahren sei. Rasch aber setzte der zweite Akt der wienerischen Komödie ein. In jener Zeit der Fiaker, dieser fashionablen, eleganten Zweispänner, betrachtete sich der Fiakerkutscher als eine viel zu vornehme Persönlichkeit, um seinen Wagen eigenhändig zu reinigen. An jedem Standplatz befand sich daher ein sogenannter »Wasserer«, dessen Funktion es war, die Pferde zu füttern und das Zeug zu waschen. Dieser Wassere hatte sich nun glücklicherweise die Nummer des Fiakers gemerkt, der eben weggefahren war; in einer Viertelstunde wäre alle Polizeiämter alarmiert, der Fiaker aufgefunden. Er gab eine Beschreibung des Herren, der in jenes Café Kaiserhof gefahren war, wo ich immer Oberst Rede traf, und überdies fand man noch im Wagen durch einen glücklichen Zufall das Taschenmesser, mit dem der Unbekannte das Briefcouvert geöffnet hatte. Die Detektive sausten sofort ins Café Kaiserhof. Der Herr, dessen Beschreibung sie gaben, war inzwischen schon wieder fort. Aber mit größter Selbstverständlichkeit erklärten die Kellner, der Herr sei niemand anderer als ihr alter Stammgast, der Oberst Redl gewesen, und der sei eben zurückgefahren in das Hotel Klomser.“

– Stefan Zweig, Die Welt von Gestern, S. 239

9) Ich liebe solche Tage.

„Der Tag war lind; wolkenlos stand der Himmel über den breiten Kastanienbäumen, und es war ein rechter Tag des Glücklichseins.“ „ (…) gleichsam schon den ganzen Sommer voraus mit seiner seligen Luft, seinem satten Grün und seinem Vergessen aller täglichen Sorgen.“

– Stefan Zweig, Die Welt von Gestern, S. 247

Bei allen Büchern die ich dieses Jahr gelesen habe, war dieses wohl jenes, bei welchem ich am Meisten angestrichen habe. Damit jeder Satz seinen Platz findet, teile ich dieses Buch in zwei Teile auf.

Text und Fotografie:

c. Freude