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Maniac

Mit müden Augen blicke ich auf die Decke und betrachte die Lichtstrahlen, die die Baustelle vor dem Fenster ins Zimmer wirft. Die Pflanzen, die im ganzen Zimmer wuchern, werfen lange Schatten an die Wände und mir kommt es vor, als würden die Blätter leise rascheln. Eigentlich möchte ich einfach nur schlafen aber stattdessen singen mehrere Stimmen laut in meinem Kopf „she´s a maniac, maniac on the floor…“. Während meine Organe und Nerven einen wilden inneren Tanz aufführen frage ich mich, warum zum Teufel ich seit Tagen dieses Lied jede Nacht als Ohrwurm habe.

Die Augen weit geöffnet, projiziere ich Fetzen des YouTube-Videos zum Lied an die Wand neben dem Bett. Die tanzenden, schlanken Beine der Frau, ihre vor Leidenschaft strahlenden Augen, die Blicke der Zuschauer, die sie voller Begierde betrachten. Mein Körper liegt ruhig neben der schlafenden Person, während es in meinem Kopf und unter meiner Haut drunter und drüber geht. Sie zittern zum Rhythmus des Liedes, singen in verschiedenen Tonlagen und Sprachen und schreien die Aufregung des Abends weg. Immer lauter, immer irrer und ich drehe den Kopf auf die andere Seite als würde ich ihn schütteln und versuche wieder ruhiger zu werden.

Erst eine zarte Berührung an der Schulter bringt mich zurück in das Zimmer mit den Pflanzenschatten. „Alles okay bei dir?“ werde ich gefragt. Ich nicke leicht, gebe der fürsorglichen Person neben mir einen Kuss auf die Wange und kuschel mich zu ihr. Die singenden Stimmen werden leiser, verstummen aber nicht. Ich sage ihnen, dass ich bitte wieder schlafen möchte und versuche mir vorzustellen, wie ich von einem Sprungbrett in federleichte Wolken springe, die die Stimmen dämpfen und die Liedzeilen erdrücken.

Einige Stunden zuvor saß ich ganz in Rage im Bett und in meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. War ich mal wieder übervorsichtig? War eh nichts? Steigerte ich mich in die Situation hinein? Waren welche von ihnen in mir gelandet? Mein Gegenüber versuchte mich zu beruhigen, was mich nur noch aufgewühlter machte. Als er dann meinte, er würde mit dem Rad zur Apotheke fahren und würde mir die Pille kaufen, willigte ich ein, da ich wusste, ich würde sonst kein Auge zu bekommen.

Seine Gesten, seine Worte, seine Berührungen waren so erwachsen, lieb und richtig und trotzdem war ich ein zitterndes Ding, das mal sarkastische und mal wütende Antworten gab oder sich diese verkniff, um die aufgeladene Spannung nicht zum Bersten zu bringen. Ausnahmsweise schwiegen die Stimmen in meinem Kopf, zu neugierig, was als nächstes passieren würde.

Gleichzeitig machte sich ein Gefühl bemerkbar, ein Gefühl das ich gar nicht so genau beschreiben kann. Es fühlt sich ein bisschen so an als würden die Eizellen in meinen Eierstöcken miteinander tratschen, würden kichern und sich streiten, wer von ihnen die Reise und den Versuch der Vereinigung starten darf. Dabei reiben sie aneinander und ich verspüre ein Kitzeln. Vielleicht gibt es gar keine Schmetterlinge im Bauch sondern nur zitternde, kichernde Eizellen, die sich zanken. Fast höre ich nun auch noch deren Stimmchen, zu den anderen Stimmen dazu. Jetzt seid aber mal still, flüstere ich… ich werde ja noch verrückt… Ein lauter Streit zwischen körperlichen Urinstinkten und meinen Kopfstimmen braut sich auf.

Durch die Einnahme der Pille kam ich wieder runter und wurde ruhiger. Ich vertraute der kleinen runden Tablette, die ich alleine in der Küche mit den Resten des Tees, den er mir am Anfang des Abends gemacht hatte, hinunterspülte. Ich ging einige male in der Küche hin und her, trank noch einen Schluck, betrachtete meine Silhouette in den Glastüren der Küchenschränke und strich mir über meinen schlanken Bauch. Schlank und leer waren Körper und Geist zu einem erschöpften Ich verschmolzen, das den kalten Fliesenboden spürte, der mein hitziges Gemüt kühlte. Ich hasse es, dass ich diejenige sein muss, die sich Gedanken machen muss über das WAS WÄRE WENN. Was wäre, wenn ich in 9 Monaten nicht mehr alleine bin. Was wäre, wenn ein kleines Ich in mir wachsen würde? Mein Körper würde Host für neues Leben sein und ich höre seine Worte in meinem Kopf nachhallen: Würdest du es wegmachen lassen? KEINE AHNUNG! JA, NEIN, VIELLEICHT, … nein, ziemlich sicher nicht.

Im Nebenzimmer hörte ich ein Geräusch – ein Wimmern? Während ich mit dem Schlucken der Pille das Gröbste der Anstrengung des Abends hinuntergespült hatte, kämpfte nun mein anderer Part mit seinen Gedanken. Ich ging ins Zimmer zu ihm, nahm ihn an der Hand und führte ihn zum Bett. Nach stundenlangem Reden und Kuscheln waren unsere Gedanken zwar nicht klarer aber zumindest unsere Gemüter müder. Wir verfielen in einen unruhigen Schlaf, der in meinem Fall von Träumen der Band Flashdance mit ihrem Lied Maniac heimgesucht wurde.

Maniac bedeutet übersetzt in dem Lied Fanatikerin oder Wahnsinnige. Mit den vielen Stimmen in meinem Kopf, die gleichzeitig miteinander reden und singen, fühle ich mich auch manchmal wahnsinnig. Eine Fanatikerin, die sich in Gedanken und Emotionen verliert und um diese zu sammeln und zu reflektieren, schreibe ich tanzende Worte auf Papier. Aber so verwunderlich finde ich dieses Sein nicht – bestehen wir nicht alle aus vielen Identitäten und Persönlichkeiten? Und ich spreche gerade nicht von einer dissoziativen Identitätsstörung, sondern von den einzelnen Rollen, die jede*r von uns annimmt. Ich bin Freundin, ich bin Studentin, bin Tochter und Schwester. Ich bin Frau, bin Österreicherin, bin Blondine. Für jede Rolle habe ich unbewusst eine Stimme erschaffen, die ihren Teil zum Geschehen hinzugeben muss. Kreisende Worte schwimmen zwischen meinen Knochen dahin und die Ecken und Kanten schmerzen und machen auf sich aufmerksam. Denk an mich, beschäftige dich mit mir, verliere dich in meinen Geschichten, rufen sie mir zu.

Ich bin eine professionelle „Weg-Beamerin“, weg aus der Realität und hinein in unbekannte Welten. Stimmen und Situationen vermischen sich und vertauschen Plätze und Funktionen. Verrückte Szenarien vermengen sich mit echten Erlebnissen und irrsinnige Träume entstehen. Gestörte Gedanken schwirren vor der Netzhaut meiner Augen und trüben meine Sicht. Verschwommene Bilder verlieren Farben und Konturen und kämpfen mit grausamen Geräuschen, wer meine Aufmerksamkeit erhalten soll.

Bevor ich mich dem Zerplatzen und dem Irrsinn nähere, kreiere ich Geschichten voller Wahrheiten und Lügen, nur um mich daran zu ergötzen, dass nur ich weiß, welche der Realität entsprechen und welche kompletter Nonsense sind… Die Stimmen fange ich in einem Vakuum aus Buchstaben und Leerzeichen ein.

Ich bin ein Mysterium, voller offener Seiten.

Text: Lee Weichsel

Foto: Helene Horak