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Kreative Baustellen

Ich weiß beim besten Willen nicht was dieses Jahr los ist (abgesehen von der Pandemie, die um unsere Welt wütet) aber überall wo ich hingehe, sehe ich Baustellen. Schon alleine wenn ich in der Früh aus meinem Badezimmerfenster blicke, sehe ich die wohl von mir am meisten gehasste Baustelle, die Geräte und die frisch gemachte Betonstraße, die mitten über mein geliebtes Feld hinter unserem Haus verläuft (danke K., du großes Arschloch, du Zerstörer von Lebensräumen, Zukunftsplänen und gepriesenen Maisfeldern). Dann spaziere ich zum Bahnhof und muss mich zwischen Absperrungen und riesigen Lastern durchschlängeln, um zu den provisorischen Bretterstufen zu gelangen, die zum noch provisorischeren Bahnsteig führen. Und wenn ich dann aus dem Zugfenster blicke geht es ja weiter…

Baustellen bedeuten Veränderung.

Schon als Kind habe ich weinen müssen, wenn irgendwo ein Baum umgeschnitten wurde, weil ich einerseits das Gefühl hatte, ihn vermissen zu werden und andererseits, weil ich Veränderungen schwierig, ja, sogar manchmal bedrohlich finde. Ich versuche zwar unbekümmerter und besser im Umgang damit zu werden, ziehe mich aber liebend gerne in mein Schneckenhaus, in meine Routine zurück. Denn in meinem Schneckenhaus kann ich ungestört meinen Geschichten, Gedanken und kreativen Auszuckern nachgehen. Dann beginne ich meine eigene Baustelle zu gestalten. Ich beginne aus alten Hemden Röcke und Masken zu nähen, beginne aus Bierdosen und Kronkorken Kleidung und Möbel zu machen. Ich beginne Fotografien zu planen und Gedichte zu schreiben. Am besten alles gleichzeitig – zumindest in meinem Kopf 🙂
Ich habe mir schon oft gedacht, ich würde nicht jemand anderer sein wollen, der meine Gedanken lesen kann. Die*der Arme würde wahrscheinlich noch verwirrter sein als ich, wenn ich meinen Weg am Bahnhof zwischen den Absperrgittern suche. Würde, wenn er neben mir spazieren geht, einfach gegen eine Straßenlaterne rennen, so überfordert wäre er mit meinem kreativen Chaos im Kopf!

Baustellen können auch in Freundschaften auftauchen und im ganzen Lebensprozess.

Baustellen bedeuten Veränderungen. Und mit Veränderungen tu ich mir schwer. Sei flexibler, sage ich mir. Sei offener, sage ich mir. Sei, sei, sei…SEI!

„Sei“ kommt von dem Hilfsverb sein und wird unter anderem im Konjunktiv 1 verwendet. Hier ist es aber ein Imperativ. Was bedeutet das? Imperativ ist die Befehlsform, die zum Beispiel Aufforderungen verlangt. Befehlt ihr euch auch so oft Dinge selbst?

Baustellen bedeuten Veränderungen und damit komme ich nur so mäßig klar.

Aber Baustellen können auch wunderbar sein. Wenn zum Beispiel, ein altes Haus renoviert wird und einen neuen Nutzen findet. Wenn die Baustelle für eine Prüfung zu lernen erledigt ist und ich diese geschafft habe.

Vielleicht sollten wir mehr Mut für Baustellen und Veränderungen haben. Unsere ganze Welt ist im Moment eine einzige Baustelle, die durchfressen wird vom Cononawurm und mehr oder weniger gehalten wird, von (dummen) großen Menschen und Systemen, die wie ein Netz versuchen, die Teile zusammenzuhalten – oder zu zerstören? – Man ist sich oft nicht sicher. Die Welt wird durchlöchert von Schusswaffen und durchschnitten von Menschengeschrei. Die Welt, die kaputt geht und uns dies auch immer mehr zeigt, indem sie laute Zeichen gibt, in dem sie bebt und zittert, indem sie in Flammen aufgeht. Warum hören wir nicht auf sie? Nein, wir spucken immer mehr auf ihre Haut und verbrennen, verätzen und versauen ihre Existenz und damit auch unsere. Jeden Tag kann man mit neuen schlechten Nachrichten rechnen. Manchmal sitze ich zuhause und überlege aktiv, ob ich mir die Nachrichten durchlesen soll oder nicht. Ob ich es mir antue oder lieber unwissend bleibe. Unwissend zu bleiben ist aber auch keine Lösung und lässt das Gebilde „Erde“ noch schneller zusammenstürzen.

Baustellen bedeuten Veränderung und damit sollte ich langsam mal besser zurechtkommen!!

„Sollte“ ist wieder ein Hilfszeitwort und wird unter anderem im Konjunktiv 2 verwendet. Ich empfehle mir selbst in diesem Satz, Veränderungen anzunehmen.

Kriege, Umwelt, Diskriminierung verschiedener Menschengruppen, überall Baustellen, die überwunden sein sollten. Wie gerne würde ich darauf verzichten, diese Themen überhaupt noch erwähnen zu müssen. Wie gerne würde ich von Baustellen berichten, deren Ziel das Anlegen von Ringelblumenfeldern und Apfelbaumplantagen ist. Wie gerne würde ich von wunderschönen menschlichen Situationen im Radio hören und nicht von Mord und Wirtschaftskrisen.

Baustellen bedeuten Veränderungen, ich glaube, langsam werde ich besser darin…

Träumen und diese Träume verwirklichen. Zufrieden sein mit sich und dem was man macht und hat. Von besseren Welten und Geschichten schwärmen. Lächelnd unter die Bettdecke schlüpfen und weiter träumen…

Baustellen bedeuten Veränderungen. Das wird schon alles! Das geht sich schon aus, wie die*der typische Wiener*in sagt (einer meiner absoluten Lieblingssätze!). Wir müssen halt nur etwas dafür tun! Veränderungen.

Die sind schon okay.
Ich mag es zu sehen, wie sich Menschen verändern. Unglaublich spannend. Auf einmal kann mein Neffe (ein Jahr alt) gehen und meine Nichte (vier Jahre alt) kann mir erklären, warum wir in unserer derzeitigen Situation vorsichtig sein müssen.

Veränderungen sind wichtig und absolut notwendig!

Ich mag Veränderungen und ich will Dinge verändern. Ich mag neue Geschichten und neue Projekte. Ich mag die Aufregung vor unbekannten Momenten und den Geruch von Wäsche, die draußen im Garten trocknet, weil ich das Gefühl habe, sie hat ein bisschen was von der Sonne aufgesogen und riecht nun nach Sonnenstrahlen. Die Sonne veränderte den Zustand der nassen Wäsche.

Veränderung. Leben. Ein immerwährender Prozess, der Baustellen überwinden kann.

Text: Lee Weichsel