jonathan ngoy changed man im Achterbahn Magazin für Kunst Kultur Musik österreich

Jonathan Ngoy – Changed Man

Träume ..
Hat die nicht jeder?

Ich erinnere mich noch als wäre es gestern gewesen. Als ich noch jünger war, versuchte ich oft mittels Stift und Papier etwas künstlerisch darzustellen, doch mein Output war zum kotzen und das obwohl meine Arbeit nie jemand zu sehen bekam. Ohne Feedback, nahm ich an, kein kreatives Talent zu besitzen. So kam es dazu, dass ich mein Künstlerleben an den Nagel hängte, um mich der sogenannten realen Welt zu widmen. Das Kreativsein lag mir einfach nicht, sagte ich mir selbst. Der Reiz war aber immer da, sodass ich unbewusst nie ans Aufhören dachte.

„Vielleicht sollte ich es mit Rap versuchen.“

Dieser Gedanke schoss mir eines Tages durch den Kopf. Kann man es mir wirklich übel nehmen? Denn die „In Da Club“ Welle von Fifty, zog einen ziemlich schnell mit.
Und nach dem Tod von Tupac und Biggie wollte sowieso jeder Rapper werden.
Durch Worte und Körpersprache teilen Musiker ihre Emotionen mit uns. Ich verstand damals so gut wie nichts, aber die Art und Weise wie ein Eminem oder ein Jay Z ihre Liebe zur Kunst der Welt weitergaben, inspirierte und vor allem faszinierte mich so, dass mir der Gedanke kam es selbst zu probieren.

Also fing ich an, Texte in meinem kleinen blauen Notizbuch festzuhalten und vor mich hinzurappen. Zum Glück hatte ich in meinem Kinderzimmer diesen riesigen Kleiderschrank und da ich auch nicht gerade der Größte war, konnte ich mich, während der Aufnahmen, problemlos reinsetzen, um die Akustik um mich herum zu dämpfen. Ich kreierte mir mein eigenes „Schrank-Studio“. Mein Handy war mein Mic und vom Laptop aus spielte ich die Beats ab.
So entstanden meine ersten „Tapes“. Jedoch hasste ich meine Stimme zu sehr.
Ich konnte mich selbst nicht anhören, wieso sollten es dann andere tun?
Dieser eine Gedanke reichte, um meinen Traum aufzugeben. Keine Sekunde bereute ich meine Entscheidung. Auch wenn mich heute viele als Rapper sehen, but that’s not me. Ich nehme es aber als Kompliment, ich verspüre die Euphorie.

Eines wurde mir schnell klar. The next Picasso würde ich nicht werden. Und Tupac, den gibt es kein zweites Mal. Zum schreiben hörte ich allerdings nie auf. Das ist das was mich eigentlich zum Rappen gebracht hat. Mein größtes Problem war jedoch die Selbstkritik. Es war nie gut genug, um es irgendwem zu zeigen.



Aber ab wann ist es gut genug, um es sich selbst zu beweisen?

Diese Frage kann ich bis heute nicht beantworten. Ich merkte immer mehr, wie mächtig Worte sein können. Deshalb schrieb ich mir die Seele vom Leib. All die Texte, die ich in meinem kleinen blauen Notizbuch festhielt, waren gefüllt mit Emotionen die ich mit keinem teilen konnte. Auch das legte ich auf Eis, weil es mich ohne Musik nicht mehr erreichte.

Wieso versuchte ich all dies?

Dieser Intention wollte ich unbedingt nachgehen. Meinen Sinn des Lebens fand ich nicht. Die Verzweiflung stieg mir bis zum Kopf. Auf der Suche wer ich wirklich bin, das war mein neues Ziel. Für mein Volk war ich wie das hässliche Entlein, denn ich passte nicht dazu. Ich mangelte an “Black Attitude”. So versuchte ich zwanghaft, mich meiner restlichen Umgebung anzupassen. Doch auch sie sahen mich als den kleinen Schwachen. Mein Leben bestand aus Licht und Schatten. Ein talentierter Junge, der aber Angst hat seinen Mut zu fassen. Ein enormer Druck mich zum Affen zu machen. Vielleicht bin ich auch naiv und all dies bleibt nur ein Traum, sagte ich mir selbst.

In mir staute sich dieser Drang, diese Fesseln zu lösen, denn meine Liebe zur Kunst konnte man nicht in Worten beschreiben. Ich wusste, eines Tages musste ich mich öffnen und meine Story mit der Welt teilen. Es ist so weit.
All das was ich aufgezählt habe, ist heute ein Teil von mir.
Ich brauchte ´ne Weile bis ich mich als Mensch respektierte. Hätte ich gewartet, bis mir klar geworden wäre, wer oder was ich bin, bevor ich anfing, kreativ zu sein, dann würde ich noch immer festsitzen und versuchen herauszufinden, wer ich bin, anstatt Dinge zu machen.



Ich mach das, was ich am besten kann, und mein Abenteuer beginnt erst jetzt. Es fühlt sich an, als würde ich die Welt das erste Mal erblicken. Auch wenn es mir damals nicht wirklich auffiel. Meine Kreativität und meine Liebe zum Schreiben verlor ich nie.
Ich war nur zu blind es zu sehen. Oder eher zu ignorant es zu verstehen. Nichts war erzwungen. Ich hab einfach Dinge ausprobiert, die mich interessierten. Wir sind alle auf gewisse Art eigen.

Durch den Akt des Machens finden wir heraus, wer wir wirklich sind.

Mehr zu Jonathan Ngoy:

Homepage: www.theninetieskid.net

Instagram: theninetiesboy

Fotos:
Lisa Brandl