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Ob ich Fernweh nach UK habe?

Könnte man meinen, bei meiner aktuellen Leseliste.

Auf Zadie Smith bin ich tatsächlich zuerst gestoßen, als ich einen Roman mit Schauplatz in London gesucht habe (London NW). Wobei gestoßen zu sehr nach entdecken klingt – Zadie Smith ist bei weitem kein Geheimtipp mehr. Aber für alle die sich von Hypes gerne abschrecken lassen: Von mir gibt es hier trotzdem eine warme Empfehlung. Aktuell lese ich Swing Time, eine Erzählung in kurzen Kapitel, wo man ewig “eins noch” lesen kann. 

Zwischen coming of age, Freundschaft, Erfolg und Misserfolg verwebt sie geschickt Fragen der Chancengleichheit, Hautfarbe und Klassengesellschaft. Dabei wird sie nie epochal oder erdrückend, sondern entdeckt in den kleinsten Alltagshandlungen fein nuanciertes Politikum. 

Auch Sibylle Bergs GRM: Brainfuck spielt im britischen Randbezirk-Milieu, wiegt aber deutlich schwerer. Nicht ohne Grund habe ich das Buch für ein paar Monate auf die Seite gelegt, um jetzt wieder einzusteigen – in einem durch lässt sich der Weltschmerz nicht ertragen. Das hält mich allerdings nicht davon ab, das Buch trotzdem zu empfehlen. Sibylle Berg beschreibt eine Welt die nah und fern zugleich wirkt. Zwischen Kriminalität, Armut, totaler Überwachung, Digitalisierung und Neoliberalismus scheint sie alle gesellschaftlich relevanten Themen parallel zu behandeln. Man spürt die Hoffnungslosigkeit der Protagonist*innen und versteht die Gleichgültigkeit. Unfassbar pointiert aber wenig Trostspendend.  Offen bleibt die Frage – ist es eine Gesellschaftsanalyse oder eine Dystopie? 

Wem dann doch eher nach Leichtigkeit und Eskapismus ist, kann es mit David Sediaris Calypso versuchen. Auch nicht das aktuellste Buch des Autors und auch kein Geheimtipp. Trotzdem soll es hier erwähnt sein, weil es ein Buch ist, wo sich bestimmt die meisten Leser*innen zwischen manchen Zeilen wiedererkennen. Eigentlich schreibt er nur über sein Leben und seine Familie, bzw. von deren vielen Eigenheiten, Neurosen und Komplexen, wird dabei aber nie seicht. Es ist ein feel good Buch, das zwar keine großen Erkenntnisse über die Welt bringt, dafür ein paar Schmunzler. Denn obwohl Sedaris Amerikaner ist, lässt sich in seinen Essays viel britischer Humor rauslesen – und somit schließt sich der Kreis. 

Text:
Anna Grubauer