buchempfehlung was geht, Österreich Eva Reisinger

Buchempfehlung: »Was geht, Österreich?« von Eva Reisinger

Über Dinge zu schreiben, die man kennt, ist ja nicht so einfach, weil einem die Distanz fehlt. 

Über Dinge zu lesen, die man erlebt hat, aber auch nicht, weil man manche davon bereits absichtlich vergessen hatte. 

In den letzten Tagen war mein Instagram-Feed voll mit einem Buch: „Was geht, Österreich? Eine Landjugend mit Wodkabull und dem Herrgott“ von Eva Reisinger. So hab auch ich mich in einen Deep-Dive in ihre(meine) Vergangenheit, den Skurrilitäten der österreichischen Politik, Austriazismen und klugen Kommentaren begeben. Eva Reisinger ist genau wie ich im tiefen Oberösterreich aufgewachsen und hat es geschafft, die Stimmung von Jugend am Land einzufangen und in ihre bizarren Einzelteile zu sezieren, und zwar ganz strategisch nach Alphabet.

Also von A wie Amen bis hin zu Z wie Zuckerl, in 75 Kapiteln, wenn ich mich nicht verzählt habe. Alle Nicht-Österreicher*innen, die es noch werden wollen, können also in kurzen Lektionen zu Expert*innen der Alpenregion werden. Ein Österreich für Dummies sozusagen, anstelle von tiefen philosophischen Einblicken bekommt man eine kurzweilige Übersicht der Basics. Wahrscheinlich auch besser so, eine zu ausführliche Analyse der oft fragwürdigen Hintergründe unserer sogenannten Sitten und Bräuche wäre für den Einstieg zu viel des Guten. Das lässt aber Luft für Buch Nr. 2. Es ist jedenfalls auch eine Leistung, den 10 Jahre andauernden Buwog-Prozess auf einer halben Seite zu erklären. Wem das alles nach zu viel Schattenarbeit klingt, der kann sich zumindest die Mehlspeisen-Rezepte rausholen, die klingen – typisch österreichisch – köstlich nach viel Zucker und Fett (ein besseres Synonym für das zu sehr nach Deutschland klingende „lecker“ ist mir an dieser Stelle nicht eingefallen).


Foto: Anna Grubauer

Beim Lesen hab ich mir mehrmals gedacht, wie es wohl wäre, nicht eh schon zu wissen, was beispielsweise „Brautstehlen“ ist.

Ich frage mich auch, an wen das Buch gerichtet ist. An die, die Österreich nur von außen kennen, oder die, die es raus geschafft haben (oder immerhin nach Wien)? Jedenfalls wohl nicht an jene, die den Traum von Eigenhaus wirklich leben. Zumindest würden sie es nicht so abfeiern, wie es meine linke Bubble tut. An der Skurrilität der ländlichen Kleinkariertheit können sich jene erfreuen, die es trotz allem geschafft haben, sich irgendwie davon zu befreien. 

Wer glaubt, hier eine gut kuratierte Sammlung von Klischees zu finden, den*die muss ich enttäuschen. So manche Anekdoten könnte ich genau so aus meinem Leben erzählen. Aber das Buch bietet eben auch mehr, es zeigt die tiefe Verwurzelung von Rassismus, Sexismus und fragwürdigen politischen Kontinuitäten, also viel unterschwellige politische Bildung. Und hier liegt meiner Meinung nach die größte Stärke des Buches. Geschickt verwebt sind Schmankerln der österreichischen Politiklandschaft (und warum sie oft so problematisch ist) mit besoffenen Geschichten der Autorin (oder treffender gesagt, offen ehrliche Einsichten in die emotionale Achterbahnfahrt einer Jugend am Land mit eben auch viel Wodkabull). Sie porträtiert die unhinterfragte, allmächtige Präsenz der ÖVP, die Zwickmühle der Medienlandschaft, den Aufstieg des heiligen Sebastians, die zahlreichen Einzelfälle der FPÖ und die gruselig anmutende Verehrung Haiders. Wollte ich der Autorin eins vorwerfen, dann, dass sie der Kindheit am Land nun endgültig den letzten Zauber genommen hat. 

“Was geht, Österreich” von Eva Reisinger ist im KiWi-Verlag erschienen. Mehr hier.

Text:
Anna Grubauer

Beitragsbild:
Buchcover: KiWi-Verlag
Mock-Up: c. Freude