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Balzritual

Aufgestylt und mit hohen Hacken bewaffnet schlendern wir zum Club, der laut Facebook-Werbung heute weihnachtlich erstrahlen soll. Am Türsteher vorbei, den Studentenausweis stolz hergezeigt und einen Stempel am Handrücken später, stöckel ich die Stiegen hinunter und uns erwartet eine fast leere Halle. Nur ein paar frühe Vögel wie wir sitzen in den Ecken und starten den Abend mit etwas Alkoholischem zu trinken.

Wir beschließen erst einmal die Toiletten zu suchen und uns später der gähnenden Leere anzuschließen. Angekommen setzen wir uns auf den Waschbeckenrand und quatschen, bis sich einige hysterische Hühner zu uns gesellen, die absolut unaushaltbar sind und uns aus unserem Revier verscheuchen. Wir versuchen unser Glück, um einen gemütlichen Platz zu finden, was offenbar, angesichts der wenigen Menschen, keine große Herausforderung ist und entscheiden uns für eine Couch, die im Endeffekt nur halb so bequem ist wie sie aussieht.

Die Aussicht ist atemberaubend langweilig und einzelne Nebelschwaden ziehen einsam durch den Raum. Bunte Lichter tanzen umher und schlechte Musik hebt meine Laune.

Langsam kommen mehr Leute die Stiegen hinunter. Einige stehen an der Bar, andere sitzen an Tischen, weitere stellen sich bei der Garderobe an. Glitzernde Absätze und überschminkte Mädchengesichter ziehen durch den Club, teure Fakeuhren schmücken Jünglings Handgelenke, weiße Turnschuhe blitzen und schleifen Schmutz von der Straße draußen nach drinnen auf den Tanzboden.

Wir haben uns keinen charmanten Club ausgesucht sondern eher DEN Schnösel-WU-Schleimer- Proleten-Club, aber ja, mein Gott, manchmal landet man eben auch dort.
Lichterketten, Plastikzweige und Glitzerkugeln schmücken die Decke und die Wände, unechte Kerzen stehen an der Bar. Es gibt weihnachtlich klingende Getränke und hin und wieder sieht man super lustige Menschen mit Weihnachtsmützen.

Wir müssen nicht lange warten, da gesellt sich schon ein männliches Wesen zu uns, welches nur so vor Paarungsfreude trieft. Es kommt mit offenem Mund und herausgelassener Zunge, mit kugelnden Augen und ausgestreckten Händen auf uns zu. Es schaut mich an, bleibt vor mir stehen und versucht mit einem breiten Grinsen, mir nicht in meinen Ausschnitt zu glotzen und fast schon normal auszusehen. Ihh denkt sich mein Gehirn und trotzdem denkt es im weiteren Moment: sei lieb und freundlich. Und weiter: wirklich, sei höflich zu dem armen Geschöpf, es kann ja nichts dafür. Trotzdem schafft mein Mund das nicht und spricht ein lautes „Nein, sorry!“ aus, noch bevor er überhaupt etwas sagen kann. Ich komme gar nicht mit Jungs klar, wenn sie sich in ihrem Balzritual befinden. Wenn sie kontrollfrei und hormongesteuert, mit leerem Blick und verknoteten Synapsen versuchen, einen guten Eindruck zu vermitteln. Wenn jede Bewegung Schleimspuren zieht und in mir der Brechreiz aufkommt. Wenn jede seiner Gesten und jede Mimik dafür bestimmt ist, um bei irgendeinem armen Mädchen zu landen.

Mein lautes „Nein, sorry!“ hat seine komm-in-mein-Bettchen-Fassade zum Bröckeln gebracht. Fast etwas irritiert sieht er mich an. Man sieht richtig, dass es in seinem Kopf rattert. Er versucht jetzt normal zu wirken und die Stimmung von komplett weird zu okay umzukippen. Doch auf seine Frage, ob wir mit ihm und seinen Freunden tanzen wollen, vergesse ich zu antworten, starre ihn nur an und analysiere ihn. Es tut mir nicht leid, es ist mir auch nicht unangenehm – trotzdem klingelt es in meinem Kopf und erinnert mich daran, dass ich doch nett sein wollte. Ich weiß, dass aus meinem Mund nur Gemeinheiten kommen würden, also antworte ich erst mal nicht. Meine Freundin beginnt sich mit ihm zu unterhalten und ich schaue ihn an und denke: Wie kann man nur so wenig charmant und interessant sein? Wie willst du jemals eine rumkriegen, wenn dir schon der Sabber aus dem

Mundwinkel läuft, nur weil ich keinen BH trage und meine Brustform unterm anliegenden Shirt erkennbar ist? – Ich meine, ja, ich sehe fantastisch aus! Schließlich macht es großen Spaß sich manchmal aufzubrezeln. Aber: ich mache das für mich… – Hach, wie werden wir dich denn jetzt los? Doch nach einigen stammelnden Versuchen versteht er den Wink und zieht ab.

Klebende Schuhsohlen, verlaufene Schminke, die Geldbörse noch fast voll und der Kopf benebelt, spaziere ich einige Stunden später alleine nach Hause. Ich habe mich dazu entschlossen die Arschlochkarte(n) auszuspielen und ich muss sagen, es amüsiert mich. Ich lasse mich einladen, flirte und lüge, ohne mit der Wimper zu zucken. Das schlechte Gewissen lodert nicht in mir, im Gegenteil, ich genieße es, mich bestaunen zu lassen. Ich stelle es mir so vor, dass ich in der Mitte eines riesigen Teiches stehe, ein ausladendes Kleid trage und mit meiner Angel Kerl für Kerl an Land ziehe. Ein paar kriechen, wie die weißen Leichen, in der Höhle wo der Horkrux von Voldemort liegt (Harry Potter Teil 6), zu mir nach oben und ich locke sie mit Brotkrümelchen und zweideutigen Gesten, bis sie sich am Stoff meines Kleides festkrallen, ich aber irgendwann an meinen Rockzipfeln schüttel und die Fische wieder zurück ins Wasser fallen. Ich rüttel genau in dem Moment, in dem ich Lust darauf habe und wenn ihr es am wenigsten erwartet und dann erfreue ich mich an eurem Leid. Ihr fragt: „Darf ich dich…“ und kommt nicht weiter, weil die Schüchternheit überwiegt. Ja, was denn? Ich antworte und vervollständige den Satz für euch „…umarmen“, da ich keine Lust habe dich zu küssen. Danach umarmen wir uns (okay, true Story, das war nicht mein elegantester Move haha).

Draußen ist es dunkel und kalt. Habe ich Angst? Vielleicht. Hole ich mein Handy aus der Tasche um eine Sprachnachricht an mich selbst zu verschicken? Ja. In dieser Sprachnachricht (ich habe für solche Angelegenheiten eine WhatsApp-Gruppe mit mir selbst) erzähle ich mir, wie der Abend war und tue so, als wäre da am Ende der Leitung eine andere Person – eine typische Handlung von Mädchen, wenn sie sich abends alleine und unwohl fühlen. In dem Gespräch schweife ich ab, erzähle zwar noch vom Abend, denke aber mittlerweile an jemand anderen. Dieser andere dachte nämlich, dass ich mich immer nur verlieben würde. Dabei wusste er nicht, dass ich, noch während er mir schrieb, dass er sich Sorgen deswegen machte, mich vom nächsten zum Frühstücken einladen ließ. Beim Gedanken daran beginne ich leise zu lachen. Mein Lachen verklingt im nächtlichen Wien und wird von den Bäumen des Votivparks verschluckt.

Ich setze mich, trotz Kälte und Dunkelheit auf eine Bank bei den Straßenbahnstationen beim Schottentor – will noch ein bisschen ausnüchtern bevor ich zuhause ankomme. Ich ziehe die Mütze weiter ins Gesicht und schaue auf meinen Handybildschirm. Gelangweilt swipe ich mich durch Tinders single Männerwelt. Männer! Das ich nicht lache. Mal lächeln einen Jungs an, die niemals so alt sind wie sie angeben. Wieder andere schreiben sie wären 21, 22 Jahre alt, dabei sehen sie aus wie mindestens 35. Die Schönlinge, die Fuckboys, die Langweiler, die Wirtschafts- und Technikstudenten, die Wienerlinien- und ÖBB-Jungs, die gechillten Bokus, die Künstler und die Abenteurer, die Oberchecker und die, die keine abbekommen…

Nun rekeln sich hunderte Matches auf meinem Tinderprofil und die Komplimente an mich ploppen nur so aus der Erde der unbekannten Jungs-Telefone. Nachrichten wie „du siehst übrigens wirklich umwerfend hübsch aus“ und „da stehst du, bezaubernder als jede griechische Göttin der Antike“ treiben mir ein Grinsen ins Gesicht. Schon lieb! Aber leider meistens todlangweilig.

Wenn ich bei einem Glas Wein auf der Couch von einem von euch sitze, du redest, du erzählst und ich überlege nur ist er es Wert zu bleibenob er wohl gut im Bett ist oder soll ich eine lahme Ausrede erfinden um abhauen zu können. Du langweilst mich – ich stehe aber nicht auf und gehe oder sage, erzähl mal was Spannenderes. Nein, ich bleibe sitzen, tue höflich so als würde ich dir zuhören, lächle süß, spiele das unschuldige Ding und versuche an den richtigen Stellen zu nicken.

Solche Situationen tun mir dann doch schon fast leid. Ihr versucht es, ich versuche es, ihr bemüht euch, ich bemühe mich nicht und der Abend ist gelaufen.

Falsche Hoffnungen können weh tun und verletzen. Ich bleibe sitzen, streiche durch meine blonden Haare, nippe an dem Wein, schlage lasziv die Beine übereinander, bin das Sinnbild einer hübschen Frau… und du fällst darauf rein. Warum bin ich ein Arschloch, eine Bitch, ein weiblicher Unmensch? WEIL ES SPASS MACHT! Und ich spreche hier das aus, was viele Frauen da draußen denken. Vielleicht sollte man den Songtext von den Ärzten von „Männer sind Schweine“ zu „Frauen sind Säue“ ändern!

Aber nochmal zum Mitschreiben: Wir wollen nicht jeden und wir wollen nicht mit jedem Sex. Auch wenn ihr das oft annehmt. Nein, ich möchte nicht nach einem katastrophalen Tinderdate mit dir ins Bett springen und du kannst mich mal, nachdem du in der Öffentlichkeit begonnen hast deinen Schwanz zu bearbeiten. Am Donaukanal! Auf einer Parkbank, unter deiner Jacke!! In meiner Gegenwart!!! Geht ́s noch? Wie abscheulich und ordinär muss es zwischen deinen beiden Gehirnhälften abgehen? Nicht nur, dass ich es mit der Angst zu tun bekommen habe, du mich beschimpft hast, meintest, ich wäre eine Spaßbremse und es wäre ja nur das eine mal – ich habe mich so unsicher, wütend und unwohl gefühlt wie noch nie. Noch heute wenn ich daran denke, läuft es mir eiskalt den Rücken hinunter und ich fühle Scham. Was ich denn dachte, wohin dieses Date führen würde, fragtest du mich – Ja ich weiß auch nicht, ein Eis vielleicht und ein bisschen Smalltalk! Nein, schon klar, Sex wäre eh auch okay – aber nur wenn ich es sage und will!

Dann hat man mal Einen (oder Zwei oder Drei). Nummer Eins meldet sich nicht mehr – ich bekomme die Arschlochkarte zurück – passiert! Nummer Zwei sagt mir ab – was mir angesichts seiner wenigen, fliegenden Künste ganz recht ist und Nummer Drei sagt:
„Bist du sicher, ist das eine gute Idee?“ – Ja, nein, mir ist es egal dachte ich damals und antwortete nur mit einem Augenrollen.

„Wir können uns nicht treffen, ich mache mir Sorgen, dass du dich in mich verliebst.“ – Really??? „Ich möchte nichts ernstes!“ – Ja, ja, das hab ich schon verstanden. Aber Mindfuck: Ich auch nicht!, antwortete ich damals zu mir selbst und überlegte was ich sagen könnte, um den Schein zu waren, dass ich ein süßes, liebes Mädchen bin – brav, unschuldig und weiblich, wie wir zu sein haben…

Denn darum geht es bei uns Frauen immer. Wir sind süß und lieb und freundlich – wollen immer für Harmonie sorgen. Wir wollen nur Beziehungen und ernste Sachen. Wir würden doch niiiemals etwas halbherziges anfangen, etwas, wobei wir einfach nur Spaß haben und uns die andere Person ziemlich egal ist. Wir wollen heiraten und viiiiele Kinder bekommen. Dass wir unsere Ruhe haben wollen, uns selbst befriedigen wollen, eigenständig und gemein sein können, vergesst ihr manchmal. Dass wir, so wie ihr, mit fünf anderen gleichzeitig Kontakt haben und die Komplimente von jedem mit einem Achselzucken und Triumphgefühl entgegen nehmen, das käme doch nicht in Frage. Dass es uns egal ist, ob ihr antwortet oder nicht, weil wir in der Zwischenzeit die Weltherrschaft und unsere Zukunft planen, ist euch nicht bewusst. Die Welt könnte untergehen und ich hätte die Hände selbst in der Hose.

Text:
Lee Weichsel