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Beltracchi, Rembrandt und die Grenzen der Kunst

 „Ich kann alles malen.“ – „Auch Leonardo?“ – „Natürlich. Gar nicht schwierig.“ Hört man Interviews mit Wolfgang Beltracchi erkennt man schnell eine außergewöhnliche und nicht ganz einschätzbare Persönlichkeit. Ein im Gebiet der Malerei überaus fachkundiger Mensch, der überzeugt davon ist, den Stil jedes Künstlers und jeder Künstlerin der Kunstgeschichte nicht nur nachahmen, sondern auch verbessern zu können und der nicht davor zurückschreckt den gesamten Kunstmarkt durch seine raffinierten Kunstfälschungen hinters Licht zu führen – und zwar viele Jahre lang mit Erfolg.

Beltracchi ist in den letzten Jahren zu einem Phänomen der Kunstwelt geworden, an Interviews, Beiträgen und Dokumentationen fehlt es nicht. Die Legende des skandalumwobenen Kunstfälschers findet ein breites Publikum. Wie er denn zum Kunstfälschen gekommen sei, wird er im 2014 erschienenen Dokumentarfilm „Beltracchi – Die Kunst der Fälschung“ gefragt. „Erst mal so langsam, so mit und mit.“

Kunst war für ihn von Beginn an Alltäglichkeit, eine pragmatische Angelegenheit. Mit Herzblut hat das nichts zu tun. Wolfgang Fischer, der später den Namen seiner Frau Helene Beltracchi annehmen würde, wurde am 4. Februar 1951 in einer Stadt in Nordrhein-Westfalen als Sohn eines Kirchendekorateurs geboren. Nach einem abgebrochenen Kunststudium und einigen umtriebigen Jahren versuchte er sich schließlich als Kunstfälscher und erkannte darin bald sein großes Talent. Zusammen mit seiner Frau Helene schuf er ein Konzept, das nicht einmal von Experten hinterfragt wurde: Eine erfundene Kunstsammlung des Großvaters, imitierte Galeriestempel auf den Rückseiten der Leinwände, nachgestellte Fotos und Helene als Vermittlerin führten dazu, dass nicht wenige der Fälschungen ihren Weg bis ins Museum und in die Wohnzimmer vieler kunstaffiner Menschen gefunden haben. Wolfgang Beltracchi füllte in einem Zeitraum von 40 Jahren die Lücken in den Werkverzeichnissen berühmter Künstler und Künstlerinnen, seien es unbekannte oder verlorene Bilder von Max Ernst oder André Derain, welche den Beltracchis einen Betrugsgewinn von vielen Millionen Euro verschafften.

Ein verschollenes Bild Heinrich Campendonks wurde den Beltracchis jedoch zum Verhängnis. „Rotes Bild mit Pferden“ lautet der Titel der Malerei, die das Ehepaar für mehrere Jahre in Haft bringen würde. Auf den größten Kunstfälschungs-Prozess seit dem 2. Weltkrieg folgte die Verurteilung am 27. Oktober 2011. Angeklagt aufgrund von 14 gefälschten Gemälden. Die genaue Zahl, der sich im Umlauf befindenden Fälschungen Beltracchis ist bis heute unbekannt, Beltracchi selbst spricht von etwa 300 solcher Arbeiten. Doch auch eine so hoch erscheinende Zahl macht nur einen kleinen Bruchteil der Fälschungen am Kunstmarkt aus, glaubt man den Schätzungen von Experten, nach denen der Anteil gefälschter Werke am Markt 40-60% beträgt.


Rotes Bild mit Pferden
Rotes Bild mit Pferden – Beltracchi

Wie konnte das so raffinierte Konzept schließlich auffliegen? – Durch die „reine Faulheit“, so Beltracchi. Durch die modernsten Methoden der Kunstanalyse, könnte man auch sagen. Diverse technische Analyseverfahren wurden in den letzten Jahren entwickelt, die dort zur Anwendung kommen, wo Kunstkennerschaft und Provenienzforschung nicht mehr ausreichen. Untersuchungen durch Röntgen-, UV- oder Infrarotstrahlen und Analysen der verwendeten Materialien. Bei einer Untersuchung der Malerei „Rotes Bild mit Pferden“ wurden Farbpigmente entdeckt, die unmöglich von Campendonk verwendet werden konnten. Diese befanden sich in einer Farbtube, die Beltracchi gekauft hatte, anstatt die Farbe wie üblich selbst zu mischen. Wer weiß, wie viele seiner Fälschungen noch ihren Weg auf den Kunstmarkt gefunden hätten, wäre dieser Fehler nie ans Licht gekommen.

Kann aber eine Fälschung als Kunst bezeichnet werden?

Um dieser Frage nachzugehen, ist das interessante Projekt „The Next Rembrandt“ aus den Niederlanden erwähnenswert. Die Wissenschaftler erfassten zuallererst die Daten aller ihnen zur Verfügung stehenden Rembrandt Werke.

Sie machten 3D Scans der Werke und wendeten einen Algorithmus an, um die spezifischen Eigenschaften der Gemälde zusammenzufassen. Es wurde ein Mittelwert aller Rembrandt Werke gefunden, der festlegte welches Gemälde künstlich hergestellt werden sollte. Die Daten ergaben, dass die meisten Gemälde des Künstlers Portraits von weißen Männern mittleren Alters mit schwarzer Kleidung, weißem Kragen und Hut waren. Der Algorithmus erfasste über 60 Punkte in den Gesichtern der Portraitierten und konnte somit die Proportionen errechnen und ein neues Portrait schaffen. Anschließend wurde ein 3D Drucker verwendet, um die Dreidimensionalität eines Gemäldes zu imitieren und spezielle Farben, die wie Ölfarben aussehen. Das Ergebnis ist ein neues Gemälde, das einem echten Rembrandt so ähnlichsieht, dass man es neben den Originalen nicht unterscheiden kann.  Die Wissenschaftler haben also ein völlig neues Werk geschaffen, ähnlich wie Beltracchi, nur dass sie es mit Hilfe eines Algorithmus erzeugten. Der große Unterschied zwischen dem Forschungsprojekt und Beltracchi ist, dass die Forscher das Gemälde nicht als echten Rembrandt ausgegeben haben und sich somit nicht strafbar machten, wie es der deutsche Künstler getan hat. Es ist erschreckend, dass künstliche Intelligenz in der Lage ist ein Werk so ähnlich zum Original zu herzustellen, so dass man es mit freiem Auge nicht von einem Menschen geschaffenen Bild unterscheiden kann.



Aus diesem komplexen Thema kristallisieren sich verschiedene Fragen heraus: Wann gilt eine Imitation als Fälschung? Wie weit darf man gehen? Und ist eine Fälschung überhaupt noch Kunst? Die erste Frage ist verhältnismäßig leicht zu beantworten. Ein Werk der bildenden Kunst gilt als Fälschung, sobald eine Signatur mit der Intention eine Täuschung zu erzielen angebracht wird. Soweit so gut, doch gibt dies keine Auskunft darüber, ob die Nachahmung früherer künstlerischer Leistungen per se als Kunst zu definieren sind. Wo liegen die Grenzen zwischen Kunst, Dekoration und Design?

Ist Beltracchi ein Künstler, weil er Ernst, Campendonk und Co. täuschend echt imitiert oder hängt dies mit seinem originellen Schaffen eigener Malereien zusammen? Kann eine von künstlicher Intelligenz geschaffene und 3D-gedruckte Malerei als Kunst bezeichnet werden? Diese Fragen zu beantworten ist schwierig, wenn nicht unmöglich und werden seit Jahrzehnten mit mehr oder weniger Erfolg diskutiert. Schlussendlich wird es wohl jeder und jedem selbst überlassen bleiben, für sich stimmige Antworten zu finden.

Text:
Karoline Wagner und Lara Lejolle

Quellen:
Kripo-Artikel: https://www.kripo.at/fachartikel.html
https://www.kripo.at/assets/faelschungen-02.pdf

Netflix Doku:
Beltracchi – Die Kunst der Fälschung

Doku Trailer:

The next Rembrandt Website:
https://www.nextrembrandt.com/